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Copyright Text & Fotografie Stefan Kälberer / August 2006 

Die kleine Insel

Spiekeroog im Winter

Eigentlich wollte ich nie auf diese Insel. Zu flach, zu klein, zu karg, einfach zu langweilig für einen der schneebedeckte Gipfel, reißende Wildbäche und ausgedehnte Wälder liebt. Kanada, Schottland, Skandinavien oder gern auch mal die Dolomiten – aber ostfriesische Inseln?

   

Spaziergänger in den Dünen

Canon G3 bei ISO 50 mit 2.0-3.0/7-29           ... kurz belichtet @ 1/500 sec und f5.6
Hinter den Dünen rauscht die Nordsee und heult der Ostwind, also nichts wie hin
   

Und jetzt bin ich

doch hier gelandet. Meine Frau reist schon seit vielen Jahren im Winter nach Spiekeroog. Sie liebt dieses ursprüngliche, 17,4 km² große Eiland. Sie liebt die stundenlangen Spaziergänge an winterlich einsamen Stränden, liebt den rauen, eisig kalten Ostwind und die gemütlichen Nachmittage in einer der wenigen, zu dieser Jahreszeit geöffneten ostfriesischen Teestuben. Wangerooge, Spiekeroog, Langeoog, Baltrum, Norderney, Juist und Borkum – wie auf einer Schnur aufgezogen reihen sich die sieben, allesamt bewohnten, ostfriesischen Inseln von Ost nach West dicht gedrängt aneinander.

   

Leere Wasserflasche im Sand

Canon G3 bei ISO 50 mit 2.0-3.0/7-29       ... kurz belichtet @ 1/125 sec und f8
Dass Müll so ästhetisch sein kann, tut schon wieder weh ...
   

Irgendwann habe ich mich

also überreden lassen, bin mitgefahren an die winterliche Nordsee. Und bereits am ersten Tag bin ich kaum vom Strand weg zu kriegen, trotz eisigem Ostwind und steif gefrorenen Fingern. Die schwere Spiegelreflex-Ausrüstung habe ich daheim gelassen und statt dessen meine neue, kleine Digitalkamera eingepackt. Die kompakte Canon G3 fällt mit nicht einmal 500 Gramm kaum ins Gewicht und ist daher auf Schritt und Tritt dabei. Sie ist mein Einstieg in die digitale Fotografie, eine Art Versuchsballon, und liefert trotz ihrer "geringen" Auflösung von nur vier Megapixel eine beeindruckende Bildqualität. Bereits am Vormittag ist meine Speicherkarte voll. Das bedeutet knapp 70 Bilder, aufgezeichnet im Canon-RAW-Format. Eins ist schon jetzt klar, man drückt bei einer Digitalkamera öfter und ungehemmter auf den Auslöser. Aber der wahre Grund ist die Motivvielfalt am winterlichen Nordstrand. Im Sommer von Scharen sonnenhungriger, Sandburgen bauender Urlauber bevölkert, ist dieser kilometerlange Strand zu dieser Jahreszeit nahezu menschenleer. Kaum zu glauben, dass auf die rund 750 auf Spiekeroog wohnenden Insulaner pro Jahr runde 50.000 Gäste kommen.

   

Strandspaziergänger

Canon G3 bei ISO 50 mit 2.0-3.0/7-29       ... kurz belichtet @ 1/500 sec und f5.6
Schwer vorstellbar, dass hier in wenigen Monaten wieder Sandburgen gebaut werden
   

Vor allem der

von Wind und Wellen zu phantastischen Strukturen geformte Sand hat es mir angetan. Spiekeroogs Sand gehört zum Feinsten, was die Nordsee zu bieten hat. Nur der Sand auf Sylt ist noch feiner, er wird sogar zum Füllen von Eieruhren verwendet. Eine ganze Welt im Kleinen tut sich da auf. Winzige Wanderdünen finden sich ebenso wie nur wenige Zentimeter hohe Tafelberge, weit verzweigte Täler oder imposante Kraterlandschaften. Alles „en miniature“ und aufs allerfeinste heraus gearbeitet durch das flach einfallende Licht der tief stehenden Wintersonne. Rauhreif hält sich im Schatten bis in die Mittagsstunden, während der in der Sonne liegende Sand golden leuchtet. So verzaubert der Frost die ohnehin schon sehr plastisch wirkenden Miniaturlandschaften noch weiter. Bei dieser Art zu fotografieren vergesse ich alles um mich herum und meine Vorurteile bezüglich der kleinen, langweiligen Insel sind bereits am ersten Tag vergessen.

   

Rauhreif am Strand

Canon G3 bei ISO 50 mit 2.0-3.0/7-29         ... kurz belichtet @ 1/1000 sec und f5.6
Luftaufnahme des Himalaya oder einfach nur Rauhreif am Nordstrand auf Spiekeroog?
   

Spiekeroog, die urwüchsigste

unter den sieben besiedelten ostfriesischen Inseln, ist mit einer Länge von gerade einmal 10 km und ihrer Fläche von knapp 18 km² recht überschaubar und, sehr angenehm, völlig autofrei. Die höchste Düne ragt 24 Meter über die Nordsee, es gibt runde 15 km Strand und die Insel ist seit 1986 Teil des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer. Das Meer prägt nicht nur das Leben auf der Insel, es verändert auch ständig Form und Gestalt Spiekeroogs. Die Insel wird nicht, so wie viele andere Inseln, immer kleiner - nein, sie wächst. Durch den vorherschenden Nordwestwind spült die Nordsee unermüdlich Sand an. Zusätzlich begünstigt wird dieser Vorgang durch Eindeichungen und die Verlandung von Flußmündungen am Festland. So wird mehr Sand angelandet als die Gezeiten abtragen können. Spiekeroog konnte so seine Ost-West-Ausdehnung seit 1860 nahezu verdoppeln, von damals sechs Kilometern auf heute zehn Kilometer.

   

Strandhafer in den Randdünen

Canon G3 bei ISO 50 mit 2.0-3.0/7-29       ... kurz belichtet @ 1/800 sec und f8
Etwas Strandhafer, viel Sand und noch mehr Wind - fertig ist die Dünenlandschaft

In den Dünen

wachsen Brombeeren, Seggen, Straußgras, Hagebutten und Disteln. Am wichtigsten aber sind sicherlich Strandhafer und Sanddorn. Beide spielen eine wichtige Rolle im Alltag der Insulaner. Denn der Strandhafer stabilisiert dank seiner intensiven Durchwurzelung die Sanddünen, er läßt sie sogar wachsen, da sich in seinem Windschatten Flugsand ablagert. Und der Sanddorn bedeutet für die Inselbewohner eine willkommene Einnahmequelle. Zu Sanddorngelee, -marmelade, -saft und –likör verarbeitet, wandert er in den Taschen und Rucksäcken der Touristen als Mitbringsel hinüber aufs Festland.

Bäume sind

seit jeher Mangelware auf den ostfriesischen Inseln, denn Holz ist hier seit Urzeiten heiß begehrt als Brenn- und Baumaterial. Wenngleich Spiekeroog unter den ostfriesischen Inseln fast schon eine Ausnahme darstellt. Denn schon vor über 100 Jahren legten die weitsichtigen Bewohner der kargen Insel Dünenwäldchen aus robusten Schwarzkiefern an. Heute findet der Besucher neben den Kiefern auch Laubbäume wie Kastanien, Eichen und Linden. Und natürlich zahlreiche Vogelarten. Auf den Salzwiesen und Außenweiden tummeln sich Brachvögel, Rallen und die verschiedensten Entenarten. In den Dünen sind Lach-, Sturm und Silbermöwen aber auch Kornweihen anzutreffen.

   

Treibholzstück im Sand

Canon G3 bei ISO 50 mit 2.0-3.0/7-29           ... kurz belichtet @ 1/500 sec und f5.6
Etwas Treibholz, viel Sand und eine Prise Rauhreif - fertig ist das Stilleben
   

Da meine

SLR-Ausrüstung, und damit auch das Tele, daheim geblieben ist, bleibe ich beim Fotografieren von Details. Hier spielt die kompakte G3 ihre Vorzüge aus. Der schwenkbare Monitor erlaubt aussergewöhnliche Aufnahmepositionen. Selbst Aufnahmen nur wenige Zentimeter über dem Boden sind problemlos und ohne nasse Knie realisierbar. Die Einstell- und Korrekturmöglichkeiten dieser Kompaktkamera sind mit denen einer Spiegelreflexkamera vergleichbar, lassen also kaum Wünsche offen. Am meisten aber begeistert mich an der digitalen Fotografie die sofortige Verfügbarkeit der Bilder. Die exakte Kontrolle von Belichtung, Ausschnitt und Bildkomposition ist sofort nach Drücken des Auslösers möglich. Im Wiedergabemodus signalisieren hellgrau blinkende Flächen ausgefressene Spitzlichter und helfen so, die optimale Belichtung zu finden. Grundsätzlich gilt: lieber etwas zu knapp belichten. Denn zu dunkle Bildpartien können meist problemlos im Bildbearbeitungsprogramm korrigiert werden, während auch das beste Programm keine Zeichnung mehr in ausgefressene Partien zaubern kann. Misslungene Aufnahmen können also sofort gelöscht, mit korrigierter Einstellung wiederholt und wenig später, so man denn ein Notebook im Reisegepäck hat, sortiert, archiviert und bearbeitet werden. Für mich gestaltet sich die Fotografie so kreativer und gleichzeitig sehr viel effektiver. Kein Warten mehr bis die Dias endlich entwickelt sind und auf dem Leuchtkasten liegen. Kein Zweifel, in nicht allzu ferner Zukunft werde ich meine analoge Spiegelreflexkamera gegen eine digitale eintauschen.

   

Vogelspuren im vereisten Sand

Canon G3 bei ISO 50 mit 2.0-3.0/7-29       ... kurz belichtet @ 1/800 sec und f5.6
Und wenn ich auch noch so früh aufstehe, irgend jemand war immer schon vor mir da ...
   

So habe ich

gleich einen Grund wieder nach Spiekeroog zu fahren, dann vielleicht um Vögel und Seehunde zu fotografieren. Mit dem Verlängerungsfaktor von 1,6 bei den aktuellen DSLRs mit APS-C Sensor von Canon wird aus einem bezahl- und zudem problemlos tragbaren 4,0 / 300mm Teleobjektiv ein imposantes 4,0 / 480mm Objektiv. Davon träumen Tierfotografen nicht erst seit gestern. Und meiner Frau gegenüber habe ich gleich ein Argument an der Hand, warum ich schon wieder auf diese doch so flache, kleine, karge und ach so langweilige Insel reisen möchte.

   


   

COPYRIGHT 2006 Text & Fotografie STEFAN KÄLBERER

   

   

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