
Eine mittelalterliche Burg neu zu errichten. Von Grund auf. Stein für Stein. Ausschließlich mit Werkzeugen und Techniken des 13. Jahrhunderts. Und ausschließlich mit Materialien, die in unmittelbarer Nähe des Bauplatzes zu finden sind. Baubeginn: Ende des 20. Jahrhunderts. Bauende: Anfang des 21. Jahrhunderts. Erwartete Bauzeit: 25 Jahre. Also begann Michel Guyot in ganz Frankreich alte Burganlagen zu studieren. Wer solch ein Projekt erfolgreich durchführen möchte, muss die alten handwerklichen Fertigkeiten und Kniffe kennen- und verstehen lernen. Rund 35 Handwerker arbeiten zwischenzeitlich fest an dem Projekt mit. Ihre Arbeitsverträge laufen über mindestens fünf Jahre. Archäologen, Kunsthistoriker, Spezialisten der Metallurgie, der Töpferei und Mörtelherstellung bilden ein beratendes Gremium. Man trifft sich einmal die Woche, beratschlagt, diskutiert, wägt ab, entscheidet über Vorgehensweisen. Die Bauweise von mehr als 50 Schlößern und Burgen, alle zwischen Ende des 12. und Anfang des 14. Jahrhunderts erbaut, wurde dokumentiert und in einer Datenbank zusammen getragen, um Guédelon Wirklichkeit werden zu lassen.

Er liegt im Burgund, im Department Yonne, inmitten einem ausgedehnten Waldgebiet, an der D955 zwischen Saint-Saveur-en-Puisaye und Saint-Amand-en-Puisaye. Ein aufgelassener Sandsteinbruch zwischen alten Kastanien und noch älteren Eichen. Ein idealer Platz. Alle für den Bau benötigten Materialien sind hier zu finden. In guter Qualität. Keine 15 Minuten sind es mit dem Auto bis Saint-Fargeau, kaum mehr als 90 Minuten bis Paris. Industrie gibt es kaum, dafür jede Menge weite Wälder und jede Menge Menschen, die sich für verrückte Ideen begeistern lassen. Wenn dadurch auch noch neue Arbeitsplätze entstehen, umso besser. Das Projekt trägt sich zwischenzeitlich allein. Über 200.000 Besucher kommen alljährlich nach Guédelon. Und der museumspädagogische Effekt lockt zahlreiche Schulklassen in die schattigen Wälder, in die Collinnes, die Hügel de la Puisaye südwestlich von Auxerre.

gibt es in Guédelon in ausreichender Menge und guter Qualität. Schließlich handelt es sich bei dem Bauplatz um einen vor vielen Jahren aufgegebenen Steinbruch. Der Sandstein, der hier gebrochen wird, kommt in vielfältigen Schattierungen von annähernd schwarz bis honiggelb vor. Dazwischen finden sich alle nur erdenklichen Ockertöne. Vielleicht mit ein Grund für die große Sympathie, die man spontan empfindet, wenn man Guédelon besucht. Denn die Farbe des Mauerwerks strahlt eine wohltuende Wärme aus. Wie in den alten Tagen brechen die Handwerker den Stein mit Hammer und Keil in große Blöcke. Mit Schubkarren, Schlitten und Pferdefuhrwerken wird er dann zu den Arbeitshütten der Steinmetze gekarrt. Steine, die zu behauen nicht lohnt, werden als Füllsteine für das Mauerinnere beiseite gelegt. Die Blendsteine für die Maueraussenseiten werden grob behauen und nur an einer Seite fein ausgearbeitet. Am sorgfältigsten werden all die Steine ausgewählt, die an sechs Seiten behauen werden müssen, beispielsweise für die Torbögen.

ist in den ausgedehnten Wäldern rund um Guédelon reichlich vorhanden. Vor allem Eichen und Kastanien werden von den Holzfällern eingeschlagen. Von Hand mit Breitbeilen beschlagen, entstehen so die Balken für Fachwerkkonstruktionen, Gerüste und Geländer. Aber auch Seilwinden, Schubkarren, Materialschlitten, Schindeln für die Dächer und Axtstiele werden vor Ort gefertigt. Und die Rinde der Eichen wird zum Gerben der Felle eingesetzt. Damit aber nicht genug. Weniger wertvolles Holz wird als Brennmaterial in der Töpferei und in der Küche verwendet und von den Köhlern zu Holzkohle verschwelt. Denn ohne Holzkohle können die Schmiede nicht arbeiten.

findet sich ebenfalls unmittelbar vor Ort. Es wird aus dem eisenhaltigen Sandstein in Brennöfen aus Tonerde erschmolzen. Zwei Tage lang werden diese mit Holzkohle auf 950° - 1000° C beheizt. Danach wird das Gewölbe des Brennofens aufgebrochen. So gelangt der Schmied an die Eisenklumpen, die sich ganz unten im Ofen abgesetzt haben. Er schmiedet daraus Nägel, Beschläge, Ketten und Werkzeuge. Im 13. Jahrhundert kannte man bereits den Blasebalg, war also in der Lage sehr hohe Temperaturen zu erzeugen. Da man aber nicht in der Lage war, die Temperaturen zu messen, musste man sich mit einer Beschreibung der Farbe behelfen, die das Eisen zeigte: taubenblut, kirschrot, goldgelb, schlohweiß charakterisierte man die Temperaturstufen. Auf dem Amboss wird das Eisen dann mit den verschiedensten Hämmern ausgeschmiedet und abschließend in Wasser oder Urin gehärtet.

Die Erde der Region Puisaye ist seit Jahrhunderten bekannt für die hervorragende Qualität ihres Tons. Ergo haben auch die Töpferei und Ziegelbrennerei eine jahrhunderte alte Traditon. Und die wird von den Handwerkern hier in Guédelon in bester Tradition fortgeführt. In aufrecht stehenden Öfen brennen sie die Töpferware bei rund 900°C. Aber auch für den Lehmbau wird die tonige Erde benötigt. Mit Wasser zu einer zähen Paste verrührt, bildet es vermengt mit Stroh, Hanffasern oder Tierhaar ein äusserst belastbares und zudem wetterfestes Material zum Verputzen von Wänden und Decken. Es wird auf ein Weidengeflecht oder auf Holzlatten aufgebracht und bleibt auch nach dem Trocknen noch elastisch.

und braucht viel Erfahrung. Über diese verfügten die Baumeister des Mittelalters. Lehm, der so rein als möglich sein sollte, wird für drei Tage bei 800°C von den Chaufourniers zu ungelöschtem Kalk gebrannt. Dieser gebrannte Kalk wird dann mit Wasser zu einer cremigen Masse vermischt, sprich gelöscht. Er entwickelt dabei sehr viel Wärme und vergrößert sein Volumen beträchtlich. Ungelöschter wie gelöschter Kalk sind stark ätzend und können bei Augenkontakt zur Erblindung führen. Aufgrund dieser Gefahr wird dieser Arbeitsschritt nicht direkt auf der Baustelle von Guédelon durchgeführt, sondern etwas ausserhalb. Zwei Teile des gelöschten Kalks werden dann mit einem Teil Sand und etwas Wasser zum eigentlichen Mörtel verarbeitet. Da dieser erst bei Luftkontakt aushärtet, kann er für eine gewisse Zeit in feuchten Gruben gelagert werden. Im Innern der Mauern kann es aber Jahrzehnte dauern, bis der Mörtel vollständig durchhärtet. Das ist gewollt, denn so werden Spannungsrisse durch die sich setzenden Steine verhindert. Im Winter werden die Mauern und damit der Mörtel durch dicke Auflagen aus Mist vor dem beissenden Frost geschützt.

Er stellt wenig Ansprüche an Boden und Dünger. Dank seiner extrem langen, nahezu unverwüstbaren Fasern liefert Hanf den optimalen Rohstoff für die Seilherstellung. Aber auch Kleidung und selbst Papier lassen sich daraus herstellen. Und die Hanfsamen spielen bereits seit Jahrtausenden eine wichtige Rolle in der Ernährung, enthalten sie doch alle 20 essentiellen Fettsäuren. Ausserdem liefern die Samen wertvolles Öl für die Lampen. Im Mittelalter bildeten Hanfanbau und -verarbeitung daher einen eigenen, kleinen Wirtschaftskreislauf. Und so ist es auch in Guédelon kein Wunder, dass auf Cannabis sativa nicht verzichtet werden kann. Sämtliche Seile, Gürtel und Geschirre für die Pferde werden daraus hergestellt. Und auch das 13-Knoten-Seil, das geniale Messwerkzeug des Mittelalters, wird aus Hanf gefertigt. Mit seiner Hilfe lassen sich spielend leicht rechte Winkel, gleichschenklige Dreiecke und Kreise bestimmen. Ausserdem wird es als Rechenseil zur einfachen Lösung mathematischer und geometrischer Probleme eingesetzt.

und sind von solch einer Baustelle nicht wegzudenken. Selbst 600 Kilogramm schwere Balken lassen sich mit ihrer Hilfe noch bewegen. Von den Zimmerleuten vor Ort gefertigt, erlaubt es ein cage à écureil, vielleicht am besten mit dem Begriff Hamsterrad übersetzt, den vom Pferdefuhrwerk angelieferten Mörtel in großen Weidekörben hinauf zu den Maurern zu schaffen. Diese Trommelwinden werden am Fuß der Mauer aufgestellt und meist von zwei Männern bedient. Lastkarren und Materialschlitten, von Arbeitspferden gezogen, erleichtern die schweren Arbeiten ebenfalls.

Nachdem 1999 die drei Jahre währenden Arbeiten am Fundament abgeschlossen waren, wächst die Burg Guédelon seit 2000 Jahr für Jahr, Stein für Stein. Anfangs noch belächelt, begeistert das Projekt heute nicht nur die Wissenschaftler, sondern auch die Franzosen selbst. Und die zahlreichen Besucher sowieso: 2005 kamen annähernd 250.000! Auf einem Rundweg, vorbei an den verschiedensten Arbeitsstätten und Werkstattbetrieben, sind die Besucher hautnah dabei. Und wem das noch nicht reicht, der besucht einen der zahlreichen Kurse und lernt dabei alles über die Werkzeuge und Handwerkstechniken des Mittelalters. Die Baupläne der 60 mal 70 Meter großen Burganlage zeichnete übrigens Jacques Moulin, seines Zeichens Chefarchitekt der französischen Denkmalschützer. Sind die Bauarbeiten erst einmal abgeschlossen, wird hier eine Burg mit mit bis zu 2,5 Meter dicken Mauern und vier Türmen stehen, wovon einer als 30 Meter hoher Hauptturm konzipiert ist. Und einen Burggraben wird es ebenso geben wie eine Zugbrücke. Ist das alles erst einmal fertig, möchte man aber noch lange nicht aufhören. Deshalb schmiedet man bereits Pläne für ein angrenzendes, mittelalterliches Dorf und eine kleine Abtei.
Offizielle Website von Guédelon mit vielen Informationen (auf französisch und englisch)