17 Jahre alter Ford-Van schnurrt zufrieden vor sich hin. In seinem alten Leben kam er aus Downtown Vancouver nicht heraus, wo er mit einer Fensterputztruppe von Haus zu Haus tingelte. Statt mit Eimern, Leitern und Putzmitteln ist er nun mit Zelt, Hund und Kanu beladen - sein neuer Job als unser Transporter zu den Flüssen, Seen und Wäldern British Columbias scheint ihm ausgesprochen gut zu gefallen.
ist, auch wenn der Name Park etwas anderes suggeriert, eine 520.000 Hektar große Wildnis, knappe 400 Kilometer nordöstlich von Vancouver gelegen. Spektakuläre Wasserfälle, erloschene Vulkane und zahlreiche wilde Tiere sind hier zu finden. Der Wells Gray Provincial Park konnte in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts die höchste Elchpopulation Nordamerikas vorweisen. Nach dem großen Waldbrand von1926 kamen die riesigen Hirsche in Scharen, um sich an den neu sprießenden Weiden gütlich zu tun. Elche gibt es noch immer, aber vordergründig sind wir wegen der fünf großen Seen gekommen. Wir wollen Kanu fahren. Zwei dieser Seen, der Clearwater und der Azure Lake, sind über einen etwa zwei Kilometer langen Fluß miteinander verbunden, ideal für eine längere Kanutour.

lange Schotterpiste bringt uns zum Ausgangspunkt der Tour. Auf dem Campingplatz am südlichen Ende des Clearwater Lake, gehen Birgit und ich noch einmal unsere Ausrüstung durch. Unser Huskymischling liegt entspannt daneben und beobachtet uns interessiert. Proviant, Kleidung und Kameraausrüstung verschwinden in wasserdichten Packsäcken. Am nächsten Morgen ist es soweit: Unser Kanadier gleitet ins Wasser und sinkt mit jedem Packsack der ins Boot wandert tiefer ins kristallklare Wasser des Sees. Als wir selbst samt Hund ins Boot klettern, haben wir aber immer noch beruhigende siebzehn Zentimeter Freibord. Immer wieder erstaunlich, wieviel Zuladung ein offener Kanadier verträgt.
gleiten wir, von ruhigen Paddelschlägen getrieben, am östlichen Ufer des Clearwater Lake entlang. Schnell hat uns der Rhythmus des ruhigen Gleitens und beschaulichen Beobachtens in seinen Bann gezogen. Wir staunen über steil aufragende Felswände, dichte Wälder und murmelnde Bäche. Immer wieder gleiten wir an mächtigen Zedern und ihrem würzigen Duft vorbei. Diese Bäume hatten für die Küstenindianer von British Columbia in etwa die gleich Bedeutung wie die Büffel für die Indianer der Prärien. Aus diesem Material erwuchs ihre hoch entwickelte Kultur. Weder die großen, seetüchtigen Kanus noch die berühmten Kunstgegenstände der Nord-West-Küstenindianer wären ohne das Zedernholz möglich gewesen. Es läßt sich leicht und ohne metallene Werkzeuge bearbeiten und ist entlang der regenreichen Westküste - noch - relativ häufig. Riesige Kahlschläge verschlingen aber Jahr für Jahr unwiederbringlich auch hier im Westen Kanadas Jahrtausende alte Wälder. Im Wells Gray Provincial Park aber herrscht Frieden. Fauna und Flora sind geschützt und die mächtigen Bäume noch sicher vor dem kreischen der Kettensägen.

so klar, daß wir bedenkenlos unseren Durst damit löschen. Der See trägt seinen Namen ohne jeden Zweifel zu Recht. Mehr beobachtend denn paddelnd kommen wir nur langsam voran, zu faszinierend ist das Panorama aus schneebedeckten, weit über 2000 Meter hohen Bergen in der Ferne und der eindrucksvollen Ufervegetation direkt vor unserer Nase. Kleine Strände laden zur Kaffeepause ein und nicht nur Hunde freuen sich, mal wieder die Beine auf normale Länge ausklappen zu können. So haben wir am Abend, als wir unser Zelt auf einem der ausgewiesenen Plätze aufstellen, keine 18 Kilometer zurückgelegt. Aber wir sind ja nicht auf der Flucht.
wie paßt das zusammen? Die Antwort: sehr gut! Würde jeder in einem so stark frequentierten Park campen wo es ihm gerade einfällt, wäre der gesamte Uferbereich früher oder später mit den Überresten von Feuern, abgehackten Büschen und Bäumen und zahllosen Latrinen übersät. Deshalb ist die Parkleitung bereits vor rund 20 Jahren dazu übergegangen, Zeltplätze auszuweisen. Etwa ein Dutzend sind es am Clearwater und Azure Lake. Ein Toilettenhäuschen, ein halbes Dutzend großzügig verteilter und eingeebneter Zeltplätze, Feuerstellen und ein zwischen zwei Bäumen installiertes Holzgerüst, um die Nahrungsmittel des Nachts bärensicher zu verwahren, vertragen sich gut mit der Wildnis drumherum.

bläst eine steife Brise aus Norden und wir entscheiden uns für einen Ruhetag. Gegen Mittag werden die Wellen immer höher und es zieht ein Gewitter auf. Wir sind froh über unsere vorsichtige Entscheidung. Mit starkem Wind ist in einem offenen Kanadier nicht zu spaßen und es gehört oft mehr Mut dazu, das Zelt einfach stehen zu lassen und wieder in den warmen Schlafsack zu kriechen als unbeirrt, gegen jegliche Vernunft, aufzubrechen. So verbringen wir viel Zeit mit der Erkundung der näheren Umgebung und freuen uns über unsere prall gefüllten Proviantsäcke, deren Inhalt sich auf dem offenen Feuer in so manch üppiges Mahl verwandelt. Froh sind wir auch über unsere drei mal drei Meter große Plane, die wir zwischen den Bäumen abgespannt haben und unter der wir, geschützt und fasziniert, die tief hängenden, tief schwarzen Wolken beobachten.

sieht die Welt wieder freundlicher aus und aus dem See aufsteigende Nebel erklimmen die steilen Berghänge. Wenig später bricht die Sonne durch und schnell haben wir das Lager abgebrochen, unser Kanu bepackt. Dann gleiten wir auch schon über das jetzt spiegelglatte Wasser. Ein ruhiger, harmonischer Rythmus spielt sich ein. Einem üppigen, auf dem Feuer zubereiteten Frühstück folgt der Abbruch des Lagers, dann das Paddeln und staunende Beobachten und am Abend dann wieder der Lageraufbau. Mit jedem Tag werden die Handgriffe routinierter, schnell ist abends ein mehr oder weniger ebener Lagerplatz gefunden. Trinkwasser gibt es in Hülle und Fülle. Wenn sich in unmittelbarer Nähe unseres Lagers einmal kein Feuerholz findet, schieb ich schnell nochmal das Kanu ins Wasser und genieße das unbeladen wie eine Feder übers Wasser gleitende Boot, während meine Augen das Ufer nach Treibholz und umgestürzten Bäumen absuchen.
vom Clearwater hinüber in den Azure Lake, wird weniger anstrengend als erwartet. Der kleine Fluß, der beide Seen miteinander verbindet, führt wenig Wasser und so erreichen wir schon nach kurzer Zeit den Beginn der Portage. Die obere Hälfte des Flußes ist auch bei kräftigem Zug am Paddel nicht zu bewältigen. Die Portage von einem knappen Kilometer führt durch urwüchsigen Wald. Nachdem wir die Strecke dreimal zurückgelegt haben, liegen Boot und Ausrüstung am Ufer des Azure Lake. Sind wir bisher immer genau in Richtung Norden gepaddelt, gehts jetzt weiter in östlicher Richtung.

am Azure Lake bringt leichten Frost und als das Lagerfeuer erloschen ist und wir uns gerade Schalfsackfertig machen, läuft uns ein Schauer über den Rücken. Es ist schon lange dunkel und das Bewußtsein, weit weg von der nächsten Stadt und vom nächsten Highway zu sein, ist schon seit Tagen nichts besonderes mehr. So verwundert es uns etwas, als plötzlich die Scheinwerfer eines Fahrzeugs hoch oben über den Bergen wie tastende Finger tief in den pechschwarzen Himmel greifen. Dann aber beginnen die mysteriösen Lichtfinger an zu wabern, verändern Farbe und Richtung und erwachen zu eigenständigem Leben. Die vermeintlichen Scheinwerfer sind Polarlichte. Bald zartgrün, mal schwachrosa, dann wieder stahlblau geistern sie über den kanadischen Himmel. Zum ersten Mal in unserem Leben sehen wir Northern Lights und können und wollen uns ihrer mystischen Faszination nicht entziehen. Lange noch sitzen wir schweigend am Seeufer und beobachten ehrfurchtsvoll das seit Urzeiten beeindruckende Naturschauspiel.
aber dieser Landschaft tut das keinen Abbruch. Regentropfen brechen durch die bleiern liegende Wasseroberfläche, machen sich in unzähligen Ringen auf ihren langen Weg ans Ufer. Unsere Ausrüstung liegt gut verpackt und durch eine Plane geschützt im Boot. Bald schon hört der Regen wieder auf. Meine Angel ragt, unter den Sitz geklemmt, weit nach hinten über das Kanu hinaus und wartet auf ihren Einsatz. Daraus wird aber leider nichts. Als ich versehentlich mit dem Arm dagegen stoße, geht das gute Stück unverhofft über Bord. Mein Vertrauen in die Auftriebskräfte der leichten Glasfaserstangen wird herb enttäuscht. Die Angelrute verabschiedet sich erhobenen Hauptes, Spule voran, von der Was-seroberfläche und macht sich auf ihren langen Weg hinab zum Grund. Bleibt nur die Moral von der Geschicht': Angeln schwimmen nicht!

Proviantsäcke aber lassen uns den Verlust leicht verschmerzen. Die Fische wird´s freuen. Am Ende des Azure Lake, nicht weit von den Rainbow-Falls, gefällt es uns so gut, dass wir wieder ein paar Landtage einlegen, die Gegend erkunden. Die machtvolle Ausstrahlung der unberührten Wälder bewegt uns. Zottige, blaßgrüne Flechten hängen in den Bäumen wie Bärte steinalter, weiser Männer und oberschenkeldicke Wurzeln gleiten mit der Geschmeidigkeit von Schlangen über schroffe Felsen und verschwinden im modernd duftenden Humus. Die amerikanische Schriftstellerin Emily Carr hat das Verhältnis der Menschen zu diesen Urwäldern treffend besungen.
Welche Gefühle erwecken diese Wälder in Dir?
Du kannst alles, nach dem Du suchst, in ihnen finden, und Du siehst, wie wahr sie sind, voller Realität.
In ihnen steckt der Saft des Lebens, das, was wirklich wichtig ist!
Als wir unser Kanu Tage später wieder ins Wasser schieben und den Bug erst in Richtung Westen und dann, zurück auf dem Clearwater Lake, in Richtung Süden richten, schmerzt uns der bevorstehende Abschied von dieser kraftvollen Landschaft, den schroffen Bergen, üppigen Wäldern und klaren Wassern. Wir durften erleben, was wirklich wichtig ist.

Wells Gray Provincial Park, British Columbia, Canada, offizielle Website (nur englisch)
Beitrag zum Wells Gray Park, deutschsprachige Kanada-Website