www.kurz-belichtet.de / outdoor / Kanubau   
Copyright Text & Fotografie Stefan Kälberer, August 2007

Traum in Holz

Der selbstgebaute Kanadier

Angesichts all der High-Tech-Boote in den Kanuläden vergißt man leicht, dass Kajaks und Kanadier ihren Ursprung in der Verarbeitung von Naturmaterialien haben. Daher machen sich heutzutage nur noch wenige Bootsliebhaber selber an die Arbeit. Als ich in Kanada das erste Woodstrip-Epoxy-Canoe sah, war es um mich geschehen. Plötzlich wusste ich was zu tun ist, musste ich meiner inneren Stimme folgen, musste selbst eins bauen, musste mir diesen Traum erfüllen. Und so bin ich seit einigen Jahren stolzer Besitzer eines 16-Fuß-Holzkanadiers. Während den langen Nächten in der Werkstatt eines guten Freundes (sorry nochmal, für all den Staub...) habe ich den Bau dokumentiert.

  

    

Nie werde ich

den Tag vergessen, an dem ich meinen ersten Kanadier kaufte. Es war in British Columbia, in den Outskirts von Vancouver, und ist jetzt ziemlich genau zwanzig Jahre her. Die freudige Erregung aber, die ich damals verspürte, als ich das Boot zum ersten Mal in einen See gleiten ließ, empfinde ich noch immer so, als wäre es gerade erst gestern gewesen. Und die Sehnsucht, mit einem lautlos dahin gleitenden Kanadier über einen nebelverhangenen See zu paddeln, wird mich wohl ein Leben lang begleiten.

So wurde der Kauf eines Kanadiers auf all meinen Kanada-Reisen zur nie in Frage gestellten Selbstverständlichkeit. Aber immer waren es "Plastikboote" und immer bin ich, wenn ich wieder einmal ein Woodstrip-Canoe entdeckt hatte, mit unbändiger Begeisterung und glänzenden Augen um diese Träume aus Holz herum geschlichen. Kein anderes Material, so scheint mir noch heute, kann die harmonische, elegante Form eines Kanadiers in so überzeugender Art und Weise zum Leben erwecken.

Also habe ich

von meiner letzten Kanada-Reise zahlreiche Tipps, Informationen, Baupläne und jede Menge Enthusiasmus mit nach Hause gebracht. Einen langen Winter und runde 180 Arbeitstunden später war ich stolzer Besitzer eines selbstgebauten Woodstrip-Epoxy-Canoes. Die sind echte Klassiker und dennoch auf der Höhe der Zeit. Liegt das Holz bei der Sandwich-Bauweise doch bestens geschützt zwischen zwei Lagen Glasfasergewebe, das mit Epoxydharz duchtränkt ist. Derart gefertigte Kanadier sind weder extrem pflegebedürftig noch empfindllich, sondern robust und pflegeleicht.

Aber das faszinierende an diesen Holzbooten sind nicht nur das ansprechende Äussere und die inneren Qualitäten. Es ist auch die Tatsache, dass jeder, der einen Nagel in einen Balken kloppen kann, auch in der Lage ist, seinen eigenen Holzkanandier zu bauen. Und das mit überschaubarem Einsatz an Werkzeugen und schreinerischem Geschick - zu einem Preis, für den man im Laden gerade mal ein billiges GFK-Boot in spartanischer Ausstattung bekommt.

  

   

Die technischen Daten        ... kurz zusammengefasst

   

Länge                                                 4,88 m

Lichte Weite / Mitte                          0,85 m

Höhe / Mitte                                      0,37 m

Höhe / Bug, Heck                              0,59 m

Zuladung (Freibord 15 cm)              400 kg

Gewicht                                             34,0 kg

               davon  Rumpf                       12,0 kg

                           Epoxidharz                 9,0 kg

                           Glasfaser                    2,5 kg

                           Kielleiste                     1,0 kg

                           Sitze                           2,0 kg

                           Gunwale                     4,2 kg

                           Decks                         0,6 kg

                           Mittelstrebe                0,8 kg

                           Bootslack                    2,0 kg

    

   

         

   

Was bedeutet Woodstrip-Epoxy-Bauweise?

Klassische Holzkanadier werden meist aus drei bis fünf Zentimeter breiten, in Längsrichtung verlaufenden Holzleisten verleimt. Halt bekommt solch ein Bootsrumpf durch mit den Leisten vernagelte und verleimte Spanten. Diese, rund 90 an der Zahl, verlaufen etwa alle fünf Zentimeter quer zu den Holzleisten und erfordern einen enormen Arbeitsaufwand, da jede Spante einzeln eingepaßt werden muss.

So mancher derart gefertigte Kanadier wurde danach nur mit Bootslack lackiert. Kratzer gehen so schnell bis ins Holz und müssen schnellstmöglich ausgebessert werden. Deshalb, und um die Festigkeit des Rumpfes zu erhöhen, werden Holzkanadier heute meist durch eine Schicht aus Glasfasergewebe geschützt.

Bei der Woodstrip-Epoxy-Bauweise wird der Rumpf wie bei herkömmlichen Booten aus sehr schmalen, in Längsrichtung verlaufenden Holzleisten gebaut. Auf Spanten wird völlig verzichtet, der Bootskörper wird stattdessen innen und aussen mit Glasfasergewebe laminiert. Man spricht dabei auch von Sandwichbauweise.

Epoxidharz ist in seiner molekularen Struktur dem natürlichen Baumharz sehr ähnlich und verbindet sich, im Gegensatz zum wesentlich billigeren Polyesterharz, optimal und untrennbar mit dem Holz. So entsteht ein Kanadier, der sich bis auf die fehlenden Spanten nicht von einem in klassischer Bauweise gefertigten Boot unterscheidet. Dafür ist er aber weniger arbeitsaufwendig und dazu noch wesentlich robuster und zudem recht pflegeleicht.

   

      

Die Arbeit mit Holz

sollte einem natürlich schon Spaß machen und auch eine Schleifstaub-Allergie ist nicht gerade förderlich. Lohn der Mühen und des Staubschluckens, zu Schleifen gibt´s jede Menge, ist dafür ein echtes Unikat. Bevor Sie jetzt den Hobel aus dem Schrank holen und in die Hände spucken, sollten Sie noch die Materialfrage klären und eine Werkstatt einrichten. Der Raum sollte eine Grundfläche von drei mal acht Metern haben. Da solch ein Projekt geradezu prädestiniert ist für lange Winterabende, sollte die Werkstatt zudem beheizbar sein. Denn die Verarbeitung von Holzleim und Epoxidharz benötigen eine Temperatur von 15° bis 20°C. Zudem sollten Türen, Treppen und/oder Fenster so groß und geräumig sein, dass sich das fertige Boot später auch ins Freie schaffen lässt.

Das klassische Baumaterial für Holzkanadier ist Cedar (Thuya plicata, oft fälschlicherweise zur Zeder eingedeutscht, handelt es sich dabei um den Thuja- oder Lebensbaum, der nicht zur Gattung der echten Zedern cedrus zählt). Leider ist der Raubbau an den kanadischen Wäldern noch immer Standard: Riesige Kahlschläge, mit nachfolgender Aufforstung zu Monokulturen. Daher habe ich mich entschieden, meinen Kanadier aus heimischem Holz zu bauen. Vor meiner Nase wächst die weithin begehrte Enztalkiefer (Pinus sylvestris). Auf kargen, sandigen Hängen wachsen diese Kiefern extrem langsam und daher mit extrem engen Jahresringen.

   

   

Begonnen wird

mit dem Bau der Form. Die Innenprofile werden in einem Abstand von 30 cm auf einem T-Träger aus einfachen Spanplatten montiert. Das Aussägen und nachfolgende Montieren dieser Form dauert ungefähr zehn Stunden. Anschließend werden aus 550 cm langen, möglichst astfreien Kieferbohlen die 24 mm breiten und 6 mm starken Leisten geschnitten. Dabei begeisterten mich vor allem die wunderschöne Maserung, die sehr engen Jahresringe und das rötliche Kernholz. Der Bedarf für einen Holz-Kanadier liegt bei etwa 60 Leisten und es vergingen weitere zehn Stunden, um diese aus den Bohlen zu sägen.

Nach dem Fräsen der Längskanten (eine Seite konvex, die andere konkav) können die ersten Leisten auf die Innenprofile genagelt und miteinander verleimt werden. Die Nägel werden später, ist der Rumpf erst einmal fertig, wieder entfernt. Die winzigen, im Holz sichtbaren Nagellöcher sind ein typisches Merkmal eines Woodstrip-Epoxy-Canoes. Leiste um Leiste nimmt das Boot so allmählich Form an und es fiel mir von Mal zu Mal schwerer, das Werkzeug aus der Hand zu legen. An manchen Tagen lag der Feierabend denn auch eher in den frühen Morgenstunden...

   

   

Nach rund

vierzig weiteren Arbeitsstunden war der Rumpf aus den Holzleisten fertig verleimt und aussen glatt gehobelt und geschliffen. Im nächsten Arbeitsschritt wurde die Rumpfaussenseite laminiert. Auch das ist ein Erlebnis für sich. Hat das Epoxidharz erst einmal das an die Rundungen des Rumpfes angeschmiegte Glasfasergewebe durchtränkt, beginnt das bisher staubigblasse Holz plötzlich zu leuchten, erwacht förmlich zum Leben.

Die vier Schichten Epoxidharz werden am besten nass in nass aufgetragen. Daher kann das Laminieren der Rumpfaussenseite weit über zehn Stunden dauern. Aber dieser Marathon lohnt sich. Das Holz ist dadurch hervorragend geschützt, die Epoxy-Schichten verbinden sich optimal miteinander und das Boot gewinnt enorm an Festigkeit. Leider erinnert das Ganze jetzt aber eher an eine runzlige Plastikbanane, denn an ein elegantes Holzboot. Aber nach zahlreichen Schleifgängen mit dem Exzenterschleifer ist die Welt wieder in Ordnung, sprich der Kanadier makellos glatt.

   

   

Glatt und seidig

glänzend liegt der Rumpf auf den Innenprofilen. Nun kommt der lang ersehnte Augenblick: Der Kanadier kann von der Form gehoben und zum ersten mal mit dem Kiel nach unten bestaunt werden. Dies ist zweifellos einer der grossen Momente beim Bau des eigenen Kanadiers. Der nächse Arbeitsschritt, das Glätten und Schleifen der Rumpfinnenseite, ist Knochenarbeit. Mit krummem Buckel, den Kopf weit in den vom Vibrieren des Exzenterschleifers nur so dröhnenden Rumpf gesteckt, schlucke ich jede Menge Staub und träume dabei von der stillen, klaren Luft eines kanadischen Sees.

Aber diese Schinderei kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der größte Teil der Arbeit jetzt hinter mir liegt. Das Laminieren der Rumpfinnenseite fällt, dank der Erfahrungen mit der Aussenseite, relativ leicht. Ich weiss jetzt wie der Hase, sprich das Harz, läuft. Und plötzich wird mir klar, dass der Rumpf so gut wie fertig ist. Jetzt fehlt nur noch die Ausstattung: Süllrand, Mittelstrebe, Decks und Sitze. Hierfür wird in Kanada gern Mahagoni verwendet. Aber auch die Tropenhölzer sollen dort bleiben, wo sie hingehören: in den Tropen.

   

   

Ich entscheide mich

für Esche. Als Hartholz besitzt die heimische Esche die erforderliche Festigkeit und Elastizität. Zudem lässt sie sich hervorragend biegen und begeistert durch ihre schöne Maserung. Nach all dem mühsamen, monotonen Schleifen der letzten Wochen tut es gut, wieder kreativ mit dem Holz zu arbeiten. Bei der Ausstattung kann jeder seine Träume realisieren, seinem Boot eine ganz eigene Note geben. Decks aus leuchtendem Kirschholz, ein zu den Enden hin sich elegant verjüngender Süllrand oder eine raffiniert geformte Mittelstrebe, der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt.

   

   

Dann muss das Boot

nur noch lackiert werden. Dies ist notwendig, um das Epoxidharz vor UV-Strahlung zu schützen. Diese würde es andernfalls über kurz oder lang eintrüben. Die drei bis vier Schichten Bootslack bilden zudem einen zusätzlichen mechanischen Schutz. Nach etwa 180 Arbeitsstunden, ungezählten Butterbrezeln (Schwaben-Fastfood) und Thermoskannen dampfenden Kaffees steht mein Traum in Holz fertig vor mir.

   

   

Sie sind neugierig geworden und verspüren Lust, selbst den Hobel in die Hand zu nehmen?
In diesem Buch finden Sie alles, was Sie für den Bau des eigenen Holzkanadiers wissen müssen:

   

   


   

   

lohnende LINKS ...
   Wer keine 180 Stunden investieren mag, es geht auch in wenigen Stunden. Witzig, pfiffig und wahr!
   Website der Wooden Canoe Builder´s Guild (nur englisch)
   Website der Northwoods Canoe Co. mit vielen Infos (nur englisch)
   Alles zum Thema Holzbootbau, Kajak und Kanadier, Bausätze und Kurse (deutsch)
    Holzbootbau, Paddelbau, Touren - Infos rund um den Canadier (deutsch)

 

seitenanfang / www.kurz-belichtet.de / outdoor / Kanubau