
ist das. Dicht bewachsene Wälle aus Millionen von Feldsteinen säumen die schmale Straße hinüber nach Bovey Tracey. Disteln, Weideröschen und Brombeerranken wurzeln begeistert zwischen üppig bemoosten Steinen. Der Duft von Adlerfarn mischt sich mit dem von frischem Heu. Geduldig und in sauberen Reihen wartet es hinter den Steinwällen darauf, gepresst zu werden. Und über allem liegt die herrlich kühle Morgenluft. Etwas weiter stehen Baldrian, Beinwell und Fingerhut, versteckt zwischen hüfthohen Gräsern. Dann wieder doppelt mannshohe Buchenhecken. Tunnel oder Straße, das ist hier die Frage.

hört auf den Namen A382 und ist schmal, sehr schmal. Zersplitterte Aussenspiegel in jeder dritten Kurve dokumentieren den Schrecken der Motoristen, und die zahlreichen Single Track Roads, einspurige Streckenabschnitte, treiben auch meinen Puls höher. Ab und zu öffnet sich die grüne Mauer, gibt den Blick frei auf noch mehr Grüntöne, auf grasende Kühe, zufrieden blökende Schafe und weiß gekalkte Steinhäuser. Moorewood Cottage lockt mit reetgedecktem Dach und Cream Tea Touristen. Der nahe gelegene Dartmoor Nationalpark, mein Ziel, sorgt hier für gute Buchungszahlen.

sollt Ihr ruhn, so verkündete es der Herr schon vor Urzeiten. Nun, ein paar tausend Jahre später, verkünden es auch die Herren in Brüssel. Nur noch maximal sechs Tage statt deren zwölf, dürfen Fahrer von Reisebussen seit April 2007 am Lenkrad drehn, dann sollen sie einen Tag ruhn. Keine dumme Idee. Ich bin als Fahrer des Reisebusses mit einer Wandergruppe für 12 Tage unterwegs im Süden Englands und heute ist mein Ruhetag, mein freier Tag. Und nichts hat mich mehr im Hotel in Moretonhampstead gehalten. Faltrad auspacken und ausklappen war eins, der nur wenige Meilen entfernte Dartmoor Nationalpark lockt mit Macht.

lege ich einen ersten Stopp ein, sitze vor dem Brookside Café in der Sonne und genieße einen Cappuccino mit Scones und salziger Butter. Wie spät es ist will ich gar nicht wissen, die Uhr habe ich im Hotel gelassen. Gesprächsfetzen fliegen, munter wie die Spatzen, die unter meinen Füßen Krümel picken, zwischen zwei Senioren über die Straße: „Come over George“. „Ooh, my old dear is here...“. Bovey Tracey, von den Einheimischen kurz und liebevoll Buvvy genannt, scheint ein gemütliches Städtchen zu sein. Viel spannendes gab und gibt es hier nicht zu berichten und so nennt sich Bovey Tracey, letzte Verzweiflungstat aller mit Unbedeutsamkeit geschlagenen Siedlungen der Neuzeit, Tor zu irgendwas, in diesem Fall: Gateway to the Dartmoor.

liegt Bovey Tracey hinter mir. Vor mir liegt ein Anstieg, mit dem ich so nicht gerechnet habe. Die sieben Gänge, die mein Birdy zu bieten hat, und zwischen denen ich bereits auf den acht Meilen zwischen Moretonhampstead und Bovey Tracey munter hin und her geschaltet habe, reichen hier nicht mehr aus. Und längst sind kühle Morgenluft und Gänsehaut vergessen, fließt der Schweiß in Strömen. Alte Buchen säumen den steilen Hohlweg, die Zufahrt zum Nationalpark. Es sind mächtige, stolze Charaktere. Ihre knorrigen Füße wurzeln, wie sollte es anders sein, auf steinernen Wällen. Ab und an verschwindet ein längst überflüssig gewordener Stacheldraht im moosigen Stamm, um einen Meter weiter wieder auszutreten. Keine Frage, diese Bäume gibt´s schon lange und wird´s hoffentlich noch lange geben.

taucht das offizielle Schild des National Parks auf und dahinter das obligatorische Cattle Grid, eine Grube mit querliegenden, verschweißten Eisenbahnschienen, in deren Zwischenräume die winzigen 18“-Räder meines Faltrads fast stecken bleiben. So ist sichergestellt, dass Paarhufer drin und Radler mit allzu kleinen Laufrädern draussen bleiben. Ein dottergelber, mächtig Dieselruß ausstoßender Ford Transit überholt mich. Kaum hat sich der Ruß gesetzt, schnaubt und prustet ein zweiter dottergelber Stinker bergan. Dann, noch vor Erreichen der Anhöhe, weitet sich die Landschaft jäh, der Blick wird frei, Adlerfarn und Stechginster übernehmen die Regie.

nackte Granitfelsen, die Haytor Rocks, zu sehen. Bevor ich sie besteige, lege ich mich aber erst einmal in die Sonne und lasse mir den Schweiß trocknen. Eine sanfte Brise bläst mir den fruchtigen Duft von Adlerfarn in die Nase. Herrlich, wie gut so ein Sommertag riechen kann. Wieder trocken, nur die zurück gebliebene Salzkruste juckt noch etwas unterm Trikot, kette ich mein Faltrad hinterm Info-Container der Nationalpark-Verwaltung fest und mache mich auf den Weg hinauf zu den Haytor Rocks.
Diese nackten, blank geschliffenen Granithügel sind charakteristisch für den Dartmoor-National Park. Ebenfalls etwas besonderes ist die Tatsache, dass man sich hier frei bewegen darf und sich nicht an Wege halten muss. Und das, obwohl der Dartmoor N.P. größtenteils in Privatbesitz ist – weite Teile gehören dem Herzog von Cornwall und keinem geringeren als Prince Charles. Die Gefahr hier im Moor zu versinken ist dabei nicht allzu groß. Denn im Englischen steht der Begriff Moor eher für Heide und weniger für Sumpflandschaften. Bei sumpfigen, morastigen Mooren sprechen die Briten von Bog.

wandert ungehemmt in alle Himmelsrichtungen, wird mir auch die Mission der beiden dottergelben Dieselstinker klar. Sie haben zwischenzeitlich auf zwei strategisch günstig gelegenen Parkplätzen Stellung bezogen und begonnen süsses Softeis in noch süssere Waffeltüten zu füllen. Molly Macs Real Devon Ice Cream prangt in grossen roten Lettern auf den beiden Vans. Die Nachfrage ist enorm, die Schlange der Wartenden scheint bis hinunter nach Bovey Tracey zu reichen. Für mich wird es Zeit, wieder aufzubrechen. Kaum habe ich die Menschenmassen hinter mir gelassen, erinnert mich die Landschaft hier oben an den Norden Kanadas. Vorbei an den Felsformationen Saddle Tors und Seven Lords´ Lands radle ich völlig entspannt, da nahezu eben, auf der B3387 Richtung Bonehill. Bei einer Gruppe Dartmoor-Ponies bleibe ich lange stehen und fülle begeistert die Speicherkarte meiner Kamera. Die kleinen, robusten Pferde kennen keine Scheu und das, obwohl sie das ganze Jahr frei, fast möchte man sagen wild, im National Park leben und nur einmal jährlich zusammen getrieben, gezählt und teilweise verkauft werden.

ich bin schon wieder auf dem Rückweg, wird´s noch einmal wildromantisch. Direkt neben der Straße verläuft ein alter Pfad und der überquert auf einer Clapperbridge einen gemütlich dahin plätschernden Bach. Diese Brücken sind oft mehrere hundert Jahre alt und bestehen aus dünnen Granitplatten, die über in Bäche und Flüsse gelegte Felsbrocken oder kleine, trocken gemauerte Stützpfeiler verlegt wurden. Aber auch die neue, gleich daneben den Bach überspannende Brücke ist eine Augenweide. Sauber aus Natursteinen gemauert, fügt auch sie sich perfekt in die Landschaft ein. Die perfekte Kulisse für Sir Arthur Conan Doyles Geschichte „The Hound of the Baskervilles“. Nur fehlt heute der eisig kalte Dartmoornebel, der Doyle wohl zu dieser gruseligen Erzählung inspirierte. Und ich muss zugeben, dass mir die Sonne deutlich lieber ist.

falte ich mein Birdy wieder auf Koffergröße und verstaue es im Kofferraum des Reisebusses. Morgen geht´s weiter nach Cornwall, nach Newquay und Land´s End. Schade dass dann kein freier Tag mehr auf mich wartet, könnte mich glatt dran gewöhnen ...

virtually dartmoore - interaktive Seite des Dartmoor National Parks
offizielle Website von Moretonhampstead
offizielle Website von Bovey Tracey