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Copyright Text & Fotografie Stefan Kälberer / August 2006

Kinderstube in luftiger Höhe

Graureiher im Nordschwarzwald

Noch ist es still, nur der Wind raschelt sanft in den zartgrünen, jungen Buchenblättern. Das Keckern der Kleinen ist kaum zu hören. Bald aber wird es lauter werden, denn die Alten sind schon eine ganze Weile unterwegs, auf Futtersuche, und die etwa fünf Wochen alten Jungreiher werden von Minute zu Minute hungriger. Mit ihrem immer lauter knurrenden Magen nimmt auch ihr Keckern zu. Sobald die aufmerksam den Luftraum beobachtenden Jungreiher einen anfliegenden Elternvogel entdeckt haben, hält es sie vor lauter Erregung kaum noch im Horst und ihr aufgeregtes Geschrei wird ohrenbetäubend.

   

Vier Jungreiher im Horst

Nikon F4s mit IF ED 4.0/500 und TC14B auf Fuji Velvia 50         ... kurz belichtet @ 1/500 sec und f5.6
Der Magen knurrt und von den Alten ist mal wieder weit und breit nichts zu sehen
   

Die Familie der Reiher

besteht aus 63 Arten, davon kommen zehn als Brutvogel, Durchzügler und Wintergast bei uns in Deutschland vor. Der häufigste Vertreter der Familie ist Ardea Cinerea, der Graureiher. Die grau-weiß gefiederten Schreitvögel mit den schwarzen Schwingen sind nahezu überall zu finden. Wo es offene Gewässer gibt, gibt es Graureiher. Gebrütet wird meist in Kolonien von etwa zehn bis zwanzig Paaren hoch oben in den Wipfeln der Bäume. Hier im Nordschwarzwald errichten sie ihre Horste bevorzugt in den Gipfeln alter Rottannen. Ein exotischer Anblick, erwartet man die etwa storchengroßen Vögel doch eher an Flüßen, Bächen oder auf sumpfigen Feuchtwiesen. Und der erste Eindruck täuscht nicht. Vor nicht allzu langer Zeit waren Graureiher noch Bodenbrüter und in den Niederlanden existieren noch heute ganze Kolonien in ausgedehnten Schilfgebieten. Ausgedehnte Feuchtgebiete aber sind in Deutschland rar geworden. Glücklicherweise sind Reiher recht flexibel und konnten sich daher rasch an die geänderten Lebensbedingungen anpassen. Allerdings wirken die Nester aus hastig zusammen gestecktem Reisig eher noch wie ein Provisorium, denn wie ein über Jahrtausende zur Perfektion entwickeltes Hand- oder, treffender ausgedrückt, Schnabelwerk.

In eisfreien Regionen

überwintern die Reiher meist in der Nähe ihrer Brutgebiete, sind also Standvögel. Nördliche Populationen dagegen ziehen im Winter nach Südeuropa und Nordafrika. Bereits im Februar werden die Horste von den Männchen besetzt und zeitig im März beginnt das Brutgeschäft. Die kleinen Jungreiher schlüpfen nach 25 bis 26 Tagen Ende April/Anfang Mai und machen dann durch ihr pausenloses Keckern auf sich aufmerksam. Nach etwa sieben Wochen verlassen sie den Horst und im Juli bzw. August sind sie dann schon völlig selbständig und verlassen die Kolonie. Auf diesen Zwischenzügen legen die jungen, noch völlig unerfahrenen Flieger bereits beachtliche Distanzen zurück. Entfernungen bis zu 400 km wurden nachgewiesen. Die Verluste aber sind hoch. Nach einer wissenschaftlichen Auswertung von 1140 beringten Vögeln überlebten gerade einmal knappe 22 Prozent ihr erstes Lebensjahr und nur knappe fünf Prozent lebten noch zu Beginn des vierten Lebensjahres. Meist kehren die selbständig gewordenen Vögel erst im dritten Lebensjahr wieder in die Nähe ihres Geburtsortes zurück und brüten dann zum ersten Mal. Hat ein Graureiher aber seine Jugendzeit unbeschadet überstanden, kann er weit über zwanzig Jahre alt werden. Ein von der Vogelwarte Radolfzell beringter Graureiher erreichte ein Alter von 24 Jahren und sieben Monaten.

   

Altvogel beim Ausbessern des Nestes

Nikon F4s mit IF ED 4.0/500 und TC14B auf Fuji Sensia 100       ... kurz belichtet @ 1/250 sec und f8
Auch während der Brutphase bessern die Altvögel das Nest immer wieder aus
   

Ich sitze in meinem

Tarnversteck, das ich ebenso provisorisch zusammen gesteckt habe wie die keine zwanzig Meter entfernt brütenden Reiher ihren luftigen Horst. Nur habe ich statt dürrer Zweige etwas Maschendraht und abgeschnittene, grüne Fichtenzweige verwendet. Noch kann ich mein Glück kaum fassen. Es braucht schon eine ordentliche Portion davon, um an den ausgedehnten Berghängen hier im Kleinenztal überhaupt einen Nistbaum ausfindig zu machen. Hat man dann endlich einen entdeckt, wird die Sicht meist von anderen Bäumen versperrt oder der steile Blickwinkel macht das Fotografieren unmöglich. Hier aber, an diesem Westhang, herrschen traumhafte Bedingungen. Nicht nur dass der Blick auf den Gipfel der über einhundert Jahre alten Fichte kaum von anderen Bäumen versperrt wird. Nur ab und an drückt der Wind den Zweig einer benachbarten Buche vor den Horst. Nein, auch der Höhenunterschied ist, dank dem steil ansteigenden Berghang, kein Problem. Mein Ansitz liegt nur knapp unterhalb des sich in etwa 16 Meter Höhe befindlichen Horstes.

Seit Wochen schon

komme ich alle paar Tage her und schleiche mich von hinten, von den Reihern nicht zu sehen, in mein Waldversteck. Zum Zeitvertreib während der langen Wartephasen habe ich mir eine Ausgabe von Brehms Tierleben mitgebracht. Der gute Alfred Edmund Brehm mochte die Fischreiher wohl nicht ganz so gut leiden wie ich. Er berichtet: „Bäume und Boden werden vom Kothe der Vögel weiß übertüncht, alles Laub verdorben; faulende Fische verpesten die Luft; kurz, es gibt der Unfläterei und des Gestankes viel.“ Seine negativ angehauchten Beobachtungen können meine Begeisterung aber nicht trüben und nach einigen Wochen der Ungewißheit - wird da überhaupt gebrütet? – kommt dann endlich die Gewißheit in Form neugierig über den Nestrand schielender Reiherköpfchen. Auch hierzu weiß Brehm in seinem 1864 erstmals erschienen populärwissenschaftlichen Werk interessantes zu berichten: „Nach dreiwöchentlicher Bebrütung entschlüpfen die Jungen, unbehülfliche, häßliche Geschöpfe, welche von einem beständigen Heißhunger geplagt zu sein scheinen, unglaublich viel fressen, einen großen Theil ihrer Nahrung vor lauter Gier über den Rand des Nestes hinabwerfen...“.

Nach ein paar weiteren

Tagen ist klar, dass vier kleine Reiher geschlüpft sind. Dies enstpricht der durchschnittlichen Gelegegröße. Dass aber nach sechs Wochen noch immer vier aufgeweckte Gesellen im Horst stehen ist aussergewöhnlich. Im Durchschnitt kommen kaum mehr als zwei Vögel eines Vierergeleges durch. Hier aber ist das flauschig daunige Weiß des ersten Gefieders bei allen Nestlingen längst richtigen, hellgrauen Federn gewichen. Und das leuchtende Gelb ihrer Augen ist selbst noch aus dieser Entfernung deutlich zu sehen. Wie gern würde ich es mir einmal ganz aus der Nähe anschauen. Der Mutigste steht bereits weit draussen und schlägt im Takt des wippenden Fichtenzweiges erwartungsvoll mit den Flügeln. Ein faszinierender und buchstäblich bewegender Anblick. Was mich aber noch mehr freut, ist die Tatsache, dass der kleine Kerl zuversichtlich in die Zukunft blicken darf. Denn noch vor nicht allzu langer Zeit gab es dazu wenig Anlass.

   

Flügger Jungreiher beim ersten Flugversuch

Nikon F4s mit IF ED 4.0/500 und TC14B auf Fuji Velvia 50       ... kurz belichtet @ 1/250 sec und f5.6
Noch ist es eine spielerische Übung, bald aber werden die Jungreiher ihre ersten richtigen Flüge unternehmen
   

Die erbarmungslosen

Verfolgungsaktionen der 1950er und 1960er Jahre brachten den Graureiher an den Rand des Aussterbens. Zu Hunderten wurden die Jungreiher damals aus den Horsten geschossen. Als Fischereischädling verschrien, wurden die Bestände dramatisch dezimiert. Flußbegradigungen, zunehmende Wasserverschmutzung und die Trockenlegung von Feuchtgebieten trugen weiter zum Rückgang der Graureiher bei. Seit die Vögel ganzjährigen Schutz genießen, haben sich die Bestände aber wieder deutlich erholt.

Um so trauriger,

dass trotz ganzjährigem Schutz alljährlich Hunderte von Graureihern illegal abgeschossen werden. Meist von verärgerten Fischteichbesitzern und Pächtern von Angelgewässern. Die wichtige Rolle des Graureihers im Gleichgewicht der Natur wird oft übersehen. Denn durch das bevorzugte Erbeuten kranker und geschwächter Fische helfen Graureiher die Fischpopulation gesund zu erhalten. Und nur während der Aufzucht der Jungen beträgt der Fischanteil in der Nahrung der Reiher bis zu 95 Prozent. Selbst dann aber besteht die Hälfte davon aus wirtschaftlich bedeutungslosen Weißfischen. Während der übrigen Zeit des Jahres besteht die Nahrung zu einem nicht unbeträchtlichen Teil aus Insekten, Amphibien und Mäusen. Den größten Schaden richten Graureiher zudem nicht durch das Verspeisen, sondern durch das Anstechen erfolglos bejagter Fische in Zuchtteichen an. Die Fische verpilzen und werden unverkäuflich.

   

Altvogel bei der Schreitjagd

Nikon F4s mit IF ED 4.0/500 und TC14B auf Fuji Velvia 50              ... kurz belichtet @ 1/125 sec und f8
Ein ausgefärbter, erwachsener Graureiher macht entspannt und dennoch konzentriert Jagd auf Mäuse
   

So müssen die

Fischzüchter den Preis für die Zerstörung der einstmals so zahlreichen Feuchtgebiete, für begradigte Flüße und für die durch Freizeitaktivitäten immer häufiger bei der Jagd aufgeschreckten Reiher bezahlen. Wer aber jetzt einfach den Abschuß unserer letzten, noch in größerer Zahl vorkommenden Großvögel fordert oder gar selbst zur Flinte greift, macht es sich zu leicht. Zum einen bewirken Abschüsse an Zuchtteichen gar nichts, da die entstandenen Lücken im Bestand rasch wieder durch ziehende Reiher aufgefült werden und zum anderen kann den Reihern kein Vorwurf daraus gemacht werden, ein vorhandenes Nahrungsangebot zu nutzen.

Die Abschüsse

sind umso unverständlicher, als es effektive Methoden gibt, Fisch zu schützen. Graureiher sind auf seichte Uferbereiche angewiesen, um ihre Beute anpirschen zu können. Steilufer und eine Wassertiefe von 60cm reichen meist schon aus, um dem grauen Fischer mit der unendlichen Geduld das Zustoßen unmöglich zu machen. Guten Schutz bieten auch im Uferbereich gespannte Stolperdrähte. Etwas anders sieht der Fall entlang den Angelgewässern aus. Hier hat der Reiher zweifellos das dasselbe Recht zu fischen wie die Sportangler, er gehört in den Ökokreislauf eines gesunden Flusses wie die Wasseramsel, der Eisvogel und die Fische. Auch das Argument, es seien der Reiher schon wieder viel zu viele, entbehrt jeder Grundlage. Untersuchungen von Biologen haben ergeben, dass der Graureiherbestand nicht über ein gewisses Maß hinaus ansteigt. Jeder Reiher braucht sein Jagdrevier. Sind zu viele Vögel da, wandern sie ab und die Jungvögel verhungern aufgrund der starken Nahrungskonkurrenz. Die Natur reguliert sich selbst.

   

Einjähriger Jungvogel am Wassergraben

Nikon F4s mit IF ED 4.0/500 und TC14B auf Fuji Sensia 100         ... kurz belichtet @ 1/30 sec und f8
Ein etwa einjähriger Jungvogel beobachtet aufmerksam sein Jagdrevier, einen Wassergraben
   

Durch die von

den Angelvereinen alljährlich eingesetzten Fische ergibt sich zudem ein weiteres Problem, das man kaum dem Reiher anlasten kann. Bei den eingesetzten Fischen handelt es sich um Zuchtfische und diese besitzen kein natürliches Fluchtverhalten mehr. Sie reagieren auf den Schatten eines auf Beute lauernden Reihers genauso wie auf einen Menschen, der den Futterautomaten bedient: sie schwimmen in Erwartung von Nahrung unbedarft darauf zu und werden so zur leichten Beute. In den flachen, baulich veränderten Bachläufen finden die Fische zudem kaum Deckung. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass Reiher den Fischbestand in gesunden Bächen nicht dezimieren.

Nicht immer waren

die Graureiher verfolgt worden. In früheren Jahrhunderten wurden sie sogar gezüchtet und ausgewildert. Im 17. Und 18. Jahrhundert waren die Graureiher beliebte Beizvögel der Fürsten und Grafen, die mit ihren Falken Jagd auf die großen Vögel machten. Der Kölner Kurfürst Clemens August soll einen Gerfalken besessen haben, der 1736 „ganz allein an 30 Reyger“ in schneidigem Flug vom Himmel holte. Die Adligen liebten den Nervenkitzel, den der Luftkampf Reiher gegen Falke bot. Die Reiher versuchten in Todesangst dem schnittigen Feind zu entkommen, und ab und an durchbohrte ein verzweifelter Reiher mit spitzem Schnabel einen kostbaren Jagdfalken. War die Jagd erfolgreich, gaben sich humane Zeitgenossen mit ein paar Schmuckfedern zufrieden, während anderen in freudiger Erwartung der als Delikatesse gerühmten Reiherbrust bereits das Wasser im Munde zusammen lief.

   

Altvogel im Wipfel einer Fichte

Nikon F4s mit IF ED 4.0/500 und TC14B auf Fuji Sensia 100        ... kurz belichtet @ 1/125 sec und f5.6
Aufmerksam beobachtet ein Altvogel den Luftraum rund um seinen Horst
   

Auch mich hat

das Jagdfieber längst gepackt. Bewaffnet mit meinem längsten Teleobjektiv pirsche ich am Ufer der Kleinen Enz entlang. Aber die Fluchtdistanz der Vögel ist viel zu groß, ans Fotografieren nicht zu denken. Also baue ich mein Tarnzelt direkt am Fluß auf, keine sechs Meter von einem kräftigen Weidenast entfernt. Hier habe ich schon des öfteren rastende Reiher beobachtet. Und das Glück bleibt mir treu. Bereits wenige Tage später, beim zweiten Ansitz, landet ein einjähriger, noch nicht ganz ausgefärbter Jungvogel auf dem Ast über dem Wasser. Völlig entspannt, selbst das Verschlußgeräusch meiner Kamera stört ihn nicht, hockt er da und läßt sich aus kürzester Distanz fotografieren. Noch nie bin ich einem Reiher so nah gekommen, noch nie habe ich das leuchtende Gelb der Augen so deutlich gesehen.

   

Porträt eines einjährigen Jungreihers

Nikon F4s mit IF ED 4.0/500 auf Fuji Velvia 50                                 ... kurz belichtet @ 1/60 sec und f5.6
Noch nicht ganz ausgefärbter, etwa ein Jahr alter Reiher am Ruheplatz über dem Fluß

   


    

COPYRIGHT 2006 Text & Fotografie STEFAN KÄLBERER

   

   

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