
ich mich, wie man sich wohl so fühlt, so als kleiner Wassertropfen, klein und versessen auf große Sprünge. Denn Wassertropfen lieben es, zu springen, das ist mir längst klar. Wann schon hat ein kleiner Wassertropfen die Chance, einmal die Schwerkraft zu überlisten. Allzu selten nur! Meist wird er, selbst Teil der treibenden Kraft, vom reißenden Strom des Wassers unaufhaltsam mitgerissen oder aber er muss, in tausend Stücke zerrissen, als Wasserdampf in schwindelerregende Höhen steigen.
die kleinen Tropfen lieben diese kurzen, dynamischen Sprünge. Sie geben ihnen für einen kurzen Moment das Gefühl, Herr über ihr Schicksal zu sein und den Fluß der Zeit stoppen zu können. Alles was sie brauchen, um mit Schwung hinauf ins Licht zu schießen, ist ein geeigneter Stein als Rampe. Manchmal bekommen sie bei ihren waghalsigen Sprüngen einen kleinen Zweig zu fassen. Das sind dann die schönsten Augenblicke in ihrem Dasein. Dann dürfen sie kurz verharren, die Welt in neuem Licht betrachten, die buntesten Farben sehen und die zartesten Klänge hören.

wie es sie im tosenden Dunkel der Bäche, Flüsse und Ozeane nicht gibt. Dann bleiben die kleinen Wassertropfen ganz still sitzen, lauschen andächtig und geniessen die Aussicht. Sie wissen, dass sich bald andere Wassertropfen zu ihnen gesellen werden, und wenig später schon sind sie zu schwer, um der Schwerkraft weiter zu trotzen. Dann müssen sie sich wieder fallen lassen und ihren endlosen Weg fortsetzen, den endlosen Weg hinaus in die endlose, salzige Weite des Meeres. Heute aber ist alles anders.
erste Tropfen bereits gespürt, dass sein Sprung ein Fehler war. Dieses Mal war es ein Fehler gewesen, er hatte es sofort gespürt. Kaum war er an dem glatten, runden Stein aus dem Bach gesprungen, da spürte er auch schon, dass die Luft heute anders war als sonst. Sie umschmeichelte ihn nicht wie sonst, sie trug ihn nicht so leicht nach oben wie sonst, sie war einfach nur hart, unnachgiebig, keine Fehler verzeihend. Eine nie gekannte, nie zuvor gefühlte Starre kam über ihn, erfasste all seine Moleküle und er wusste sofort, dass er seinen weiten Weg für lange Zeit nicht würde fortsetzen können.

gehe ich am Bach auf und ab. Und wenn ich gerade nicht damit beschäftigt bin, mir das Leben eines Wassertropfens auszumalen, stelle ich mein schweres Stativ auf und fotografiere. Die Vielfalt an Formen und Farben ist beeindruckend. Mal hängen zarte Gebilde wie Glocken an dünnen Halmen, mal haben sich dicke schwere Panzer gebildet. Auch die Eisoberfläche ist von unendlicher Vielfalt. Neben glatten weichen Formen finden sich phantastisch anmutende Strukturen. Ein dickes Stück Eis erinnert an die schuppige Haut eines urzeitlichen Reptils und das schimmernde Grün der darin eingeschlossenen Gräser verstärkt diesen Eindruck noch. Etwas weiter bachaufwärts finde ich eine wie von Bienen gefertigte Wabenstruktur auf der ansonsten spiegelglatten, bleigrauen Oberfläche. Wie ensteht all diese Vielfalt? Fragen über Fragen. Aber das Eis gibt seine Geheimnisse nur ungern preis!

Wasser ist für uns so selbstverständlich wie die Luft zum Atmen, Wasser prägt unseren Planeten. Und doch ist Wasser eines der faszinierendesten Elemente, es wartet mit zahlreichen Anomalien auf, die die Naturwissenschaftler noch immer nicht vollständig verstehen. Und das sollen sie vielleicht auch gar nicht. Der amerikanische Dichter und Philosoph Ralph Waldo Emerson schrieb: Natur ist nie eine mittelmäßige Erscheinung. Und der Weise ringt ihr nicht das Geheimnis ab, büßt nicht seine Neugierde ein, indem er ihre Vollendung durchschaut. Und Albert Einstein sagte einmal: Die Kraft der Sinne ist wichtiger, als die Kenntnis der Dinge.

zu anderen Elementen dehnt sich Wasser beim Abkühlen aus. Ein Kubikmeter Wasser wiegt genau eine Tonne, ein Kubikmeter Eis nur noch runde 920 Kilogramm oder anders ausgedrückt: eine Tonne Eis entspricht 1.090 Liter Wasser. Deshalb schwimmen Eisberge in Ozeanen, deshalb ragt rund 1/12 ihres Volumens aus dem Wasser. Kein anderer Stoff kennt mehr Variationen als Wasser. Bislang sind 21 Zustände bekannt: ein flüssiger, ein gasförmiger, ein überkritischer, fünf amorphe und dreizehn kristalline. Wasser bietet mehr Variationen auf als jeder andere Stoff.

kristallinen Zuständen die Rede ist, dann meinen wir Eis. 78% des Süßwassers auf unserem Planeten ist erstarrt, zu Eis geworden, dem Kreislauf entzogen. Die häufigste Form des Eises wird von den Forschern Ih genannt. Daneben gibt es noch die Formen Ic und die Formen II bis XII. Einige davon sind extrem selten und kommen nur weit oben in der Athmosphäre vor. Damit sich Eis bereits um den Nullpunkt herum bilden kann, braucht es Kristallisationskeime, winzig kleine Verunreinigungen, an denen die ersten Wassermoleküle andocken können. Danach geht alles schnell. Jeweils sechs Wassermoleküle bilden einen Ring, der an allen anderen Seiten ebenfalls wieder mit Sechserringen zusammenhängt. Hexagonale Kristalle enstehen, wie wir sie auch von Schneeflocken her kennen. Sehr reines Wasser dagegen kann bis minus 23 Grad seinen flüssigen Zustand beibehalten.

des Eises ist abhängig von den Lufteinschlüßen. Viel Luft im Eis läßt es weiß schimmern, wenig oder gar keine Lufteinschlüße ergeben ein transparentes, manchmal auch zart blau oder grün schillerndes Eis. Meinem kleinen Wassertropfen aber ist das alles ziemlich egal. Er möchte nichts als zurück in sein Element. Fürs Rasten und Ruhen ist er nicht geschaffen. Er ist der Inbegriff des ewig Reisenden und niemand sonst kommt so viel rum. Ein paar Tage später findet sein Sehnen ein unerwartet schnelles Ende. Ein atlantischer Tiefausläufer bringt feuchte, milde Luft über Frankreich bis tief in den Schwarzwald. Und erlöst den kleinen, sehnsüchtig wartenden Tropf aus seiner Winterstarre. Nach kurzem Zögern und Abschiednehmen lässt er sich in den hier noch flachen Bach fallen, schaut noch einmal kurz zurück und gibt sich dann wieder ganz der Schwerkraft hin. Ob ich ihn wohl im nächsten Winter wiedersehe?